Dr. Christian Wedemeyer im Interview

Dr. Christian Wedemeyer

Dr. Christian Wedemeyer im Interview

Dr. Christian Wedemeyer

Rückkehr der zementfreien Knieendoprothetik?

 

Die zementierte Verankerung von Knieendoprothesen gilt derzeit als Standard. Seit geraumer Zeit bekommt die zementfreie Versorgung neuen Aufwind, u.a. durch hochmoderne Kniesysteme wie das 4-motion® Kniesystem, das sich der anatomischen Rekonstruktion verpflichtet hat. Prof. Dr. Christian Wedemeyer, Chefarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am St. Barbara Hospital in Gladbeck, implantiert mit seinem Team seit Jahren konsequent zementfrei und berichtet im Interview über seine Erfahrungen.

ARTIQO: Was spricht für die zementfreie Verankerung von Knieendoprothesen?

Wedemeyer: Zum einen ist es die sehr gute Erfahrung, die wir in Gladbeck seit rund 25 Jahren damit machen. Schon mein Vorgänger und damaliger Chef hat zementfrei implantiert. Ich bin seit 2007 dabei und konnte auch wissenschaftlich nachweisen, dass zementfreie Implantatvarianten gut funktionieren und eine stabile Fixierung im Knochen bieten.[1] Zum anderen verringert sich die OP-Zeit, da wir nicht zementieren, und wir sehen eine sehr gute Osteointegration. Es gibt keine zusätzliche Zementschicht, die altern und zerrütten kann. Ist das Implantat einmal fest, dann bleibt es fest. Selbst bei Kunststoffabrieb sehen wir keine Implantatlockerungen. Und schließlich schätzen wir es, dass eine zementfreie Versorgung, aus welchem Grund auch immer, besser revidiert werden kann. Das ist gerade bei jüngeren Patienten relevant.

ARTIQO: Wie gestaltet sich Ihre Patientenselektion für die zementfreie Knieendoprothetik?

Wedemeyer: Sehr alte Menschen mit ausgeprägter Osteoporose sollten mit einem zementierten Implantat versorgt werden, sonst besteht die Gefahr der Einsinterung des Implantats. In der Regel machen wir uns intraoperativ ein Bild von der Knochenqualität und schwenken im Zweifel um. Dafür braucht es Systeme wie z.B. das EFK- oder das 4-motion® Kniesystem, die sowohl eine zementfreie als auch eine zementierte Implantatvariante bieten.

ARTIQO: In der Fachdiskussion macht sich ein steigendes Interesse an der zementfreien Verankerung in der Knieendoprothetik bemerkbar. Wie erklären Sie sich den Trend?

Wedemeyer: Das hat meiner Meinung nach mit der Indikationsausweitung in der Knieendoprothetik zu tun, da wir immer jüngere Patienten sehen, die hochmobil und aktiv sind, und es bleiben wollen. Möglich macht das die medizinisch-technologische Weiterentwicklung der Knieendoprothetik: Das anatomische und kinematische Alignment ist ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang, aber auch die hochmodernen Oberflächenbeschichtungen, die uns heute zur Verfügung stehen.

ARTIQO: Welche Hinweise geben die Registerdaten für die zementfreie Knieendoprothetik?

Wedemeyer: Der EPRD-Jahresbericht 2021 zeigt, dass die zementfreie Knieendoprothetik in Deutschland aktuell nur einen sehr geringen Prozentsatz ausmacht. Nur sehr wenige zementfreie Kniesysteme sind überhaupt im deutschen Register gelistet. Ich sehe einen ähnlichen Prozess, wie wir ihn in der Hüftendoprothetik in den letzten 30 Jahren miterlebt haben: Der Wechsel in der klinischen Anwendung bedarf Zeit.

ARTIQO: Welche jüngere Literatur sind für Sie beispielhaft für ein neu erwachtes Interesse an der zementfreien Knieendoprothetik?

Wedemeyer: Es gibt berechtigte Gründe für einen internationalen Trend hin zur zementfreien Knieendoprothetik. Rodriguez publizierte 2021 einen Artikel mit dem Titel „Die Zukunft ist die zementfreie Knieendoprothetik“[2]. Er präsentierte bei 802 Patienten exzellente mid-term Ergebnisse. Chen zeigte im letzten Jahr im Journal of Orthopaedic Surgery Research vergleichbare Langzeitergebnisse der zementierten und unzementierten Fixierung hinsichtlich der Standzeiten, klinischen Scores und der Mobilität.[3] Selbst beim alten Patienten über 75 Jahre hat die zementfreie Knieendoprothetik ihren berechtigten Stellenwert. So publizierte Goh im Journal of Arthroplasty ein vergleichbares Outcome und vergleichbare Standzeit der zementfreien Knieendoprothetik in dieser Altersklasse gegenüber der zementierten Technik.[4] Die allgemeinen Bedenken hinsichtlich des Risikos der zementfreien Fixierung bei diesen Patienten konnte nicht nachvollzogen werden. In einer weiteren Studie von Goh im Journal of Arthroplasty konnten selbst bei adipösen Patienten mit einem BMI über 35 keine Unterschiede hinsichtlich beider Fixierungstechniken dargestellt werden.[5] In einem aktuellen Review-Artikel von Uivaraseanu wurde insbesondere die biologische Integration als potenzieller Vorteil genannt.[6]

ARTIQO: Wie ist Ihre praktische Erfahrung mit dem 4-motion® Kniesystem?

Wedemeyer: Unsere Erfahrungen sind sehr gut. Das 4-motion® Kniesystem ist für mich eine Weiterentwicklung des EFK Kniesystems, mit dem wir sehr viel Erfahrung haben. Für die anatomische Rekonstruktion ist die präoperative Planung essenziell. Bei einer zementfreien Versorgung kommt hinzu, dass ich sehr präzise resezieren muss, da ich mit Zement nicht ausgleichen kann.  Die individuell geplanten Schnittblöcke sitzen sehr gut, sind eine präzise Führung für die Säge, so dass exakte Sägeschnitte möglich sind. Wenn man nach dem Eingriff die Phantome, die wir von der Firma ARTIQO erhalten, mit den Resektaten vergleicht, dann sieht man, wie präzise die Planung ist. Die Kniegelenke, die wir seit Anfang des Jahres mit dem System versorgen, haben alle einen guten Bewegungsumfang ohne Beuge- und Streckdefizit. Wir nehmen am multizentrischen Post-Market Clinical Follow-up zum 4-motion® Kniesystem teil und sind gespannt auf die Ergebnisse der zementfreien Variante.

ARTIQO: Herr Professor Wedemeyer, wir danken Ihnen herzlich für das interessante Gespräch und Ihre detaillierten Ausführungen.

[1] Wedemeyer C et al. Arch Orthop Trauma Surg. 2012 Dec;132(12):1759-64. DOI: 10.1007/s00402-012-1608-2. Epub 2012 Aug 30.

[2] Rodriguez, S., Ranawat, A.S. JOIO 55, 1096–1100 (2021). https://doi.org/10.1007/s43465-021-00508-0

[3] Chen, C., Shi, Y., Wu, Z. et al. J Orthop Surg Res 16, 590 (2021). https://doi.org/10.1186/s13018-021-02762-2

[4] Goh GS et al. J Arthroplasty, 2022 Mar;37(3):476-481.e1. Doi: 10.1016/j.arth.2021.11.031. Epub 2021 Nov 26.

[5] Goh GS et al. J Arthroplasty, 2022 Apr;37(4):688-693.e1. DOI: 10.1016/j.arth.2021.12.038. Epub 2022 Jan 3.

[6] Uivaraseanu, B et al. Exp Ther Med. 2022 Jan;23(1):58. DOI: 10.3892/etm.2021.10980. Epub 2021 Nov 18.



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