30 Sep. Kurzschaft vs. Standardschaft: Klinisch gleichwertig, biomechanisch überlegen
Kurzschaft vs. Standardschaft: Klinisch gleichwertig, biomechanisch überlegen
Die Kurzschaftendoprothetik hat sich in den vergangenen Jahren von einer Nischenlösung zu einem festen Bestandteil der Standard-Hüftendoprothetik entwickelt. Dieses Jahr feiern wir den 10. Geburtstag des A2® Kurzschaftes. Für uns bei ARTIQO ist das ein willkommener Anlass, um die wissenschaftliche Evidenz und den aktuellen Stand biomechanischer Erkenntnisse einmal näher zu betrachten. Was genau unterscheidet einen Kurzschaft biomechanisch von einem Standardschaft, und wie belastbar ist die klinische Evidenz tatsächlich? Ein Überblick.
Registerdaten: kontinuierliches Wachstum der Kurzschäfte
Nach Angaben des Deutschen Endoprothesenregisters (EPRD) ist der Anteil der Kurzschäfte an den primären, zementfreien Hüftendoprothesen von rund 5 Prozent (2014) auf 23,3 Prozent im aktuellen Jahresbericht gestiegen.[1] PD Dr. Thomas Randau, Köln, wies im Rahmen des diesjährigen Jubiläums-Symposiums allerdings darauf hin, dass die EPRD-Definition von „Kurzschaft“ über die Jahre nicht vollständig konsistent gehandhabt wurde. Die Klassifikation orientiert sich primär an der Schaftlänge, nicht am zugrundeliegenden Verankerungsprinzip. Auch die Verbreitung zwischen einzelnen Kliniken sei heterogen: Sie reicht von 0 bis vereinzelt 100 Prozent, wobei Dr. Randau darauf hinwies, dass ein „mäßig guter Kurzschaft“ in den Registerdaten teils bessere Ausfallraten zeige als ein guter Standardschaft.

PD Dr. Thomas Randau, Köln
Damit bezieht er sich auf die deutlichen Ergebnisunterschiede zwischen den Schaftsystemen. Im EPRD-Jahresbericht 2025 schnitten die Kurzschäfte erneut besser als die Standardschäfte ab: Die zementfrei verankerten Kurzschäfte wiesen eine durchschnittliche Ausfallwahrscheinlichkeit von 3,3% innerhalb von 8 Jahren auf, bei den Standardschäften waren es 4,3% innerhalb des gleichen Zeitraums. Der zementfreie A2® Kurzschaft konnte mit einer sehr geringen Ausfallwahrscheinlichkeit von 3,1% innerhalb von acht Jahren überzeugen.[1]
Die biomechanischen Vorteile sind wissenschaftlich sehr gut belegt
Dass sich das biomechanische Verhalten kalkargeführter Kurzschäfte von dem der Standardschäfte unterscheidet, gilt in der aktuellen Literatur als gut abgesichert. Ein systematischer Review mit Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien bestätigt für Kurzschäfte Vorteile bei Knochenerhalt, Primärstabilität und reduziertem Stress-Shielding gegenüber Standardschäften.[2] Auf klinischer Ebene wird dieser Befund durch eine prospektive Dual-Energy-Röntgenabsorptiometrie-Studie gestützt: Lerch et al. (2012) wiesen am Metha®-Kurzschaft direkt am Patienten eine deutlich geringere periprothetische Knochendichteabnahme nach, als sie für Standardschäfte typisch ist: ein unmittelbarer Beleg für die physiologischere, proximalere Lastübertragung.[3] Finite-Elemente- und Kadaverstudien bestätigen dieses Dehnungsmuster durchgängig, auch im direkten Vergleich mit metaphysär verankernden Standardschäften.[4],[5],[6]
Mario Frank, bei ARTIQO verantwortlich für die Produktentwicklung, ordnet die biomechanischen Unterschiede zwischen Kurz- und Standardschäften ein: „Kalkargeführte Kurzschäfte wie der A2® Kurzschaft verankern sich über eine langstreckige mediale Auflage mit lateraler Abstützung im proximalen Femur, während klassische Geradschäfte eher meta-diaphysär-konisch verankern und dabei überwiegend Druckkräfte auf den distalen Bereich übertragen.“ In-vitro- und Finite-Elemente-Untersuchungen zeigten für kalkargeführte Kurzschäfte eine physiologischere, proximalere Krafteinleitung mit geringeren Biegekräften. Diese biomechanischen Prinzipien sind nicht nur laborexperimentell, sondern auch klinisch am Patienten dokumentiert.[3]

Mario Frank
Klinisch relevant wird der Unterschied insbesondere bei den Trochanterfrakturen: In einer retrospektiven Propensity-Score-Matched-Analyse von 3.053 Hüftendoprothesen fanden Luger et al. (2023) unter Kurzschäften eine signifikant niedrigere Rate periprothetischer Frakturen im ersten Jahr (1,7 % vs. 3,2 %; p = 0,015), insbesondere für Frakturen vom Vancouver-Typ A im trochantären Bereich (p = 0,002); für Typ-B-Frakturen ergab sich kein Unterschied (p = 0,563).[7]
Ein weiterer Vorteil betrifft die Rekonstruktion des femoralen und anterioren Offsets sowie des individuellen CCD-Winkels: Da kalkargeführte Kurzschäfte keiner strengen axialen Verankerungsrichtung folgen, können sie sich – anders als lange Geradschäfte, die zur Antekurvation neigen – enger an der individuellen Anatomie orientieren. Diese Flexibilität wird unter anderem von Stauss et al. (2026) anhand einer in Oldenburg entwickelten Klassifikation femoraler Morphotypen sowie von Traina et al. (2009) im Kontext geschlechtsspezifischer Unterschiede der Hüftmorphologie beschrieben.[8],[9] Kadaverstudien und eine randomisiert-kontrollierte Untersuchung bestätigen diesen Vorteil auch für die Rekonstruktion von Rotationszentrum und anteriorem Offset im Vergleich zu Standardschäften.[10],[11],[12]
Klinische Gleichwertigkeit mit Standardschäften
Die biomechanischen Vorteile kalkargeführter Kurzschäfte – Knochenerhalt, reduziertes Stress-Shielding, physiologischere Krafteinleitung – gelten also als wissenschaftlich sehr gut belegt. Wie sieht es nun mit der klinischen Evidenz aus? Neben den bereits erwähnten, sehr guten klinischen Real-World-Daten des EPRD zeigt ein Zehn-Jahres-Follow-up aus einer randomisiert-kontrollierten Studie (van Beers et al., 2024) keinen signifikanten Unterschied im Implantatüberleben zwischen Kurz- und Standardschaft.[13] Auch eine aktuelle Metaanalyse randomisierter Studien (Zhang et al., 2021) bestätigt für Kurzschäfte insgesamt eine klinische Gleichwertigkeit gegenüber Standardschäften.[14]
Steinbrück et al. (2021) verglichen auf Basis des EPRD 17.526 Kurzschaft- mit ebenso vielen, nach Alter, Geschlecht, Klinikvolumen und Gleitpaarung gematchten Standardschaft-Implantationen. Die Gesamtrevisionsrate nach 5 Jahren unterschied sich nicht signifikant (2,9 % vs. 3,1 %; p = 0,08). Signifikant niedriger war jedoch die Infektionsrate beim Kurzschaft (0,7 % vs. 1,0 %; p = 0,005).[15]
Die aktuelle Evidenz stützt kalkargeführte Kurzschäfte wie den A2® Kurzschaft demnach als biomechanisch sehr gut begründete Option, die der Standardversorgung klinisch in nichts nachsteht, jedoch mit überzeugenden Vorteilen bei Knochenerhalt, Frakturrisiko, Infektionsrisiko und individueller anatomischer Rekonstruktion.
Quellen
[1] Deutsches Endoprothesenregister (EPRD). Jahresbericht 2025.
[2] Liang HD et al. Are short-stem prostheses superior to conventional stem prostheses in primary total hip arthroplasty? A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ Open. 2018;8(9):e021649.
[3] Lerch M et al. Bone remodelling around the Metha short stem in total hip arthroplasty: a prospective dual-energy X-ray absorptiometry study. Int Orthop. 2012;36(3):533–538.
[4] Yan SG et al. Metaphyseal anchoring short stem hip arthroplasty provides a more physiological load transfer: a comparative finite element analysis study. J Orthop Surg Res. 2020;15:498.
[5] Floerkemeier T et al. A short stem with metaphyseal anchorage reveals a more physiological strain pattern compared to a standard stem – an experimental study in cadavaric bone. Acta Bioeng Biomech. 2019;21(2):153–159.
[6] Freitag T et al. Biomechanics of a calcar loading and a shortened tapered femoral stem: comparative in-vitro testing of primary stability and strain distribution. J Exp Orthop. 2021;8:74.
[7] Luger M et al. Periprosthetic femoral fractures in cementless short versus straight stem total hip arthroplasty: a propensity score matched analysis. J Arthroplasty. 2023;38(4):751–756.
[8] Stauss R et al. Definition of femoral morphotypes based on the coronal plane alignment of the hip classification. J Arthroplasty. 2026 (Epub ahead of print).
[9] Traina F et al. Sex differences in hip morphology: is stem modularity effective for total hip replacement? J Bone Joint Surg Am. 2009;91(Suppl 6):121–128.
[10] Ezechieli M et al. A neck-preserving short stem better reconstructs the centre of rotation than straight stems: a computed tomography-based cadaver study. Arch Orthop Trauma Surg. 2022;142(7):1669–1680.
[11] Budde S et al. Hip joint function and reconstruction of the anterior femoral offset in patients with short stem vs. conventional THA. Sci Rep. 2023;13(1):2387.
[12] Imiolczyk J et al. Precision of Femoral Reconstruction in Short-Stem versus Conventional-Stem Total Hip Arthroplasty: A Randomized Clinical Trial Comparing Two Implant Philosophies. Abstract, 16th Congress of the European Hip Society, Thessaloniki, 2025.
[13] van Beers LWAH et al. Short versus conventional straight stem in uncemented total hip arthroplasty: functional outcomes up to 5 years and survival up to 12 years: secondary results of a randomized controlled trial. Acta Orthop. 2024;95:99–107.
[14] Zhang Z, Xing Q, Li J, et al. A comparison of short-stem prostheses and conventional stem prostheses in primary total hip arthroplasty: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Ann Transl Med. 2021;9(3):231.
[15] Steinbrück A et al. Short versus conventional stem in cementless total hip arthroplasty: an evidence-based approach with registry data of mid-term survival. Orthopäde. 2021;50(4):296–305.

A2® Kurzschaft