25 Feb. Prähabilitation, Kurzschaft, vorderer Zugang = ein Behandlungspfad
Prähabilitation, Kurzschaft, vorderer Zugang = ein Behandlungspfad

Prof. Dr. Christoph Zilkens, MVZ OGPaedicum NRW
„Besser in die OP rein, besser wieder raus“: Unter diesem Motto nimmt Prof. Dr. Christoph Zilkens, MVZ OGPaedicum NRW, die Prähabilitation, also die gezielte OP-Vorbereitung, bei endoprothetischen Eingriffen in den Blick. Im Interview mit ARTIQO erläutert er außerdem, warum für ihn vorderer Zugang und Kurzschaft untrennbar zusammengehören, warum er konsequent auf Standardisierung setzt und weshalb die intraoperative Flexibilität bei Schaft- und Pfannenwahl ein wichtiger Faktor dabei ist.
ARTIQO: Bitte helfen sie uns bei der Einordnung: Wieso ist Prähabilitation wichtig?
Prof. Zilkens: In der Endoprothetik haben wir es vorrangig mit älteren Patienten zu tun. Da ist die Sarkopenie ein großes Thema, die zunehmende Muskelarmut im Alter. Wir Menschen verlieren ab dem 30 Lebensjahr rund 10% unserer Muskelmasse pro Jahrzehnt. Das ist unter Umständen ein lebensbegrenzender Faktor, den wir in der Vergangenheit erstaunlich stiefmütterlich behandelt haben.
Die Prähabilitation hat zum Ziel, die Fitness unserer Patienten vor der Operation deutlich zu verbessern nach dem Motto: „Besser in die OP rein, besser wieder raus“ oder „better in, better out“. Wir nutzen in unseren OGPaedicum-Praxen das BFR-Training, also das Blutfluss-Restriktions-Training standardmäßig zum gezielten Muskel-Aufbau.
ARTIQO: Wie funktioniert dieses spezielle Training und welchen Effekt hat es?
Prof. Zilkens: Einfach formuliert: Nur dicke Hanteln machen dicke Muskeln. Alles andere ist Kardio. Patienten, die eine Endoprothese des Hüft- oder Kniegelenkes benötigen, haben aber Schwierigkeiten, schwere Gewichte zu stemmen und können daher nicht gut Muskulatur aufbauen.
Beim BFR-Training arbeitet der Muskel unter Sauerstoff-Mangel. Dadurch ist es möglich, mit niedrigen Widerständen eine Steigerung von Muskelkraft und Muskelmasse zu erreichen.
Die Blockade des Blutflusses erreichen wir mit speziellen Manschetten, die während des Trainings um die Beine gebunden werden. So imitieren wir eine hohe Belastung. Man muss sich das so vorstellen: Wenn Sie mit der Manschette um den Oberschenkel 15 Minuten lang Fahrrad fahren, hat das den Effekt einer Andenüberquerung. In Wirklichkeit sind Sie nur bis zum nächsten Kiosk gefahren. Das heißt, wir können auf diese Weise Patientinnen und Patienten mit Gelenkbeschwerden ein intensives Kraft- und Ausdauertraining anbieten.
ARTIQO: Gibt es Einschränkungen, für welche Patientinnen und Patienten das Training geeignet ist?
Prof. Zilkens: Wir können mit dem BFR-Training Patientinnen und Patienten jeden Alters gut auf die Operation vorbereiten. Letztlich gelten die üblichen Einschränkungen: keine Lungenembolie oder Thrombosen, keine schweren Herzerkrankungen und keine hochgradigen Durchblutungsstörungen.
ARTIQO: Wie läuft das Training konkret ab?
Prof. Zilkens: Alle unsere Patienten werden strukturiert auf die Operation vorbereitet. Neben verschiedenen Schulungen – beispielsweise zur sicheren Handhabung von Unterarmgehstützen und anderen Hilfsmitteln – erhalten sie vor dem Eingriff das Angebot, wohnortnah an einem der Standorte unseres Sportmedizinischen Instituts am BFR-Training teilzunehmen. Idealerweise beginnt dieses Training etwa 6 Wochen vor der Operation – je früher, desto besser.
Der Patient wird eingebunden in den Behandlungspfad. Er wird vom Prothesen-Empfänger zum aktiven Partner auf seiner Reise in ein aktives und schmerzarmes Leben. Das erfordert Training vor und nach der Operation und am besten lebenslang.
ARTIQO: Welche weiteren Standards haben Sie?
Prof. Zilkens: Mein Vorgehen bei den rund 300 Hüftprothesen, die ich pro Jahr implantiere, ist immer gleich: minimalinvasiver direkter anteriorer Zugang (DAA/AMIS) mit Muskelschonung, Kurzschaft, möglichst zementfrei, möglichst Keramik auf Keramik. Da ich in vier verschiedenen Krankenhäusern operiere, mag ich einfache und strukturierte Abläufe vor, während und nach der OP: Rückenlagerung ohne Extensionstisch, Abdecken wie beim Gammanagel mit Horizontal-Folie, damit ich mit wenig Assistenz auskomme. Es gibt wenig Spezialwerkzeug für den Zugang. Ich wasche selbst ab und nähe selbst zu und klebe das Pflaster selbst. Das Duschpflaster bleibt 14 Tage lang, keine Pflasterwechsel, keine Drainage. Bei meiner Abendvisite am OP-Tag vergewissere ich mich, dass der Patient mobilisiert ist, zur Not mache ich das selber. Wir schaffen ohne Hektik Überleitungszeiten von ca. 30 Minuten Naht-Schnitt-Zeit, sodass ich normalerweise vor 15:00 Uhr fünf Hüftprothesen in einem Saal ohne parallele Einleitung und ohne zweites Anästhesie-Team operiere. Das ist eine tolle Team-Leistung.
ARTIQO: Welche Vorteile haben für Sie unsere Schäfte?
Prof. Zilkens: Im Jahr 2009 habe ich Kurzschaftprothesen kennen und lieben gelernt und nutze sie seit vielen Jahren als Standard-Implantat. Der Erhalt von Knochen am Schenkelhals, die physiologische Krafteinleitung in den proximalen Oberschenkel, die Einfachheit der Handhabung bei der Implantation und die Schonung des Trochanter Major machen die Kurzschaftprothese zu einem idealen Implantat gerade bei Nutzung des DAA/AMIS Zugangs.
Ein riesiger Vorteil des A2® Kurzschaftsystems ist, dass ich die Möglichkeit habe, einfach intraoperativ auf die zementierte Schaft-Variante zu wechseln, wenn die Knochenqualität schlecht ist. Was für ein Luxus, wenn ich von vorneherein weiß, dass meine geplante Vorsorgungsstrategie greifen wird!
ARTIQO: Wie sieht es pfannenseitig mit der „Einfachheit“ aus?
Prof. Zilkens: Die ANA.NOVA® Pfanne funktioniert perfekt und verklemmt sich zirkumferenziell auch bei schwierigen knöchernen Verhältnissen. Ab 50 mm kann ich einen 36 Kopf nutzen. Das Einschlaginstrumentarium ist durchdacht und einfach in der Handhabung. In Grenzsituationen, insbesondere bei Dysplasie oder Knochendefekten greife ich gerne auf die Hybrid-Pfanne zurück, die Pfannenflügel sind insbesondere bei unzureichender knöcherner Vorspannung sehr hilfreich um eine primäre Stabilität zu erreichen. Beide Pfannen zeigen hervorragende Langzeitergebnisse.
