Infektionsrisiko

Infektionsrisiko: Prävention und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend

Hintergrund

Infektionsrisiko: Prävention und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend

Periprothetische Infektionen sind eine ernsthafte Komplikation bei Gelenkimplantationen. Dr. Sebastian Meller leitet die Sektion Hüftchirurgie und Periimplantäre Infektionen am Universitätsklinikum Charité Berlin, Campus Virchow Klinikum, und erläutert, welche patientenbezogenen und operativen Risikofaktoren eine Rolle spielen. Trotz klarer Empfehlungen und moderner Hygienestandards hapert es hierzulande an der konsequenten Umsetzung – besonders in der sektorenübergreifenden Versorgung. Wir haben mit Herrn Dr. Meller darüber gesprochen, welche Maßnahmen er sich für eine bessere, flächendeckend Prävention wünscht.

Welche Risikofaktoren können eine Infektion begünstigen?

Dr. Meller: Periprothetische Infektionen sind herausfordernde Komplikationen. Sie entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren. Dazu zählen patientenseitig chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Adipositas, Immunsuppression, Nikotinkonsum oder rheumatologische Erkrankungen. Auch lokale Faktoren wie chronische Hauterkrankungen oder Infektionsherde – etwa im Zahn-, Urogenital- oder Nasen-Rachenraum – erhöhen das Risiko.

Operationsbedingt spielen die Dauer des Eingriffs, die verwendeten Implantate, die Notwendigkeit von Transfusionen sowie die operative Technik eine Rolle. Nicht zuletzt wirken sich auch perioperative Faktoren aus, etwa die Blutzuckerkontrolle oder die perioperative Temperatur.

Deutschland ist in Bezug auf Empfehlungen und Standards ganz gut aufgestellt, oder?

Dr. Meller: So ist es. Die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut sind etabliert. Die Gesellschaft für Endoprothetik (AE) hat zudem vergangenes Jahr aktualisierte Empfehlungen für die Standardisierung des perioperativen Managements veröffentlicht, insbesondere in Bezug auf Antibiotikaprophylaxe, MRSA-Dekolonisation und die optimierte Vorbereitung der Patientinnen und Patienten. Viele zertifizierte Endoprothetikzentren haben auf Basis dieser Empfehlungen und Standards umfassende Hygienekonzepte implementiert.

Ein besonderes Augenmerk liegt heute auf hygienischen Maßnahmen: präoperative antiseptische Waschungen, MRSA-Screening mit Dekolonisation, standardisierte Hautdesinfektion, korrekte Antibiotikaprophylaxe und sterile OP-Bedingungen – inklusive Personaldisziplin im OP-Saal. Diese Faktoren sind entscheidend für die Prävention.

Dennoch sehen wir, dass die Umsetzung nicht flächendeckend und nicht einheitlich erfolgt: Einige Häuser haben – wie wir – ein interdisziplinäres Board, andere nicht. Auch die Umsetzung einfacher Maßnahmen – wie die antiseptische Ganzkörperwaschung vor dem Eingriff oder die konsequente Zahnsanierung – erfolgt nicht immer systematisch.

Wir haben also kein Erkenntnisdefizit, sondern einen Bedarf an der flächendeckenden und strukturierten Umsetzung der Empfehlungen und Standards.

Welche Gründe sehen Sie dafür?

Dr. Meller: Die Gründe sind vielfältig. Zum einen werden unsere endoprothetischen Patientinnen und Patienten älter und kränker. Oder anders: Aufgrund unserer medizinisch-technologischen Fortschritte können wir heute Menschen operieren, die wir vor ein paar Jahren nicht mehr endoprothetisch versorgt hätten.

In den Kliniken sehen wir unterschiedliche Ausstattung mit Ressourcen, der Mangel an Zeit und Personal, fehlende interdisziplinäre Strukturen oder den ökonomischen Druck. Nehmen wir z.B. unser multidisziplinäres Extremitäten-Board, in dem wirrund hundert schwierige Fälle pro Jahr besprechen, die uns aus ganz Deutschland und auch von international vorgestellt werden. Es ist zielführend, aber auch aufwändig und kostspielig, solche Strukturen vorzuhalten. Hier würde ich mir eine Entwicklung in Richtung einer Zentrenbildung wünschen.

Zudem ist die sektorenübergreifende Versorgung in Deutschland eine Herausforderung, insbesondere bei elektiven Eingriffen. So stellen sich viele Patientinnen und Patienten z. B. mit unzureichend behandelten Infektionsherden oder schlecht eingestelltem Diabetes zur Operation vor.

Wie können wir hier besser werden?

Dr. Meller: Ein strukturiertes, interdisziplinäres Präventionskonzept halte ich für notwendig. Dazu gehören ein standardisiertes präoperatives Assessment der Patientinnen und Patienten, die Einbindung von Haus- und Zahnärzten und patientenindividuelle Maßnahmenpläne.

Digitale Tools zur Risikostratifizierung, Checklisten und eine bessere Kommunikation zwischen den Versorgungssektoren können hier eine große Hilfe sein.

Entscheidend ist auch eine konsequente Datenerhebung, z. B. über das Endoprothesenregister Deutschland. Hier haben wir 2025 ein neues „Infekt-Modul“ implementiert.

In Ihrer Klinik an der Charité leiten Sie den Schwerpunkt „Infektionen des Implantatlagers“ Wie gehen Sie das Thema in Ihrem Haus an?

Dr. Meller: Alle Patienten und Patientinnen durchlaufen bei uns eine gründliche Vorabuntersuchung, die einem klar definierten Präventionspfad folgt. Dazu gehören

  • eine Zahnsanierung bei Bedarf,
  • eine standardisierte Antibiotikaprophylaxe,
  • ein MRSA-Screening und ggf. Dekolonisation,
  • präoperative Hautwaschungen mit antiseptischen Lösungen,
  • sowie eine strukturierte Wundkontrolle postoperativ.

Zudem versuchen wir in Zusammenarbeit mit den Hausarzt- oder den internistischen Kollegen, die Patientinnen und Patienten präoperativ hinsichtlich Risikofaktoren wie Blutzucker-Einstellung, Gerinnung oder Immunsuppression zu optimieren.